Archiv der Kategorie: Grrrrr

Der Klimawandel ist 80m tief und 60km2 weit

In der Lausitz verloren in den vergangenen 80 Jahren mehr als 30.000 Menschen ihre Heimat, weil sie einem Tagebau weichen mussten. 136 Orte verschwanden ganz oder teilweise von der Landkarte. (via Klimacamp Lausitz)

Rund um Cottbus, ca. 120km südlich von Berlin, räumt der Energiekonzern Vattenfall Wälder, Seen und Menschen für den Braunkohlebergbau ab. Rund 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr blasen die anliegenden Kraftwerke Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe in die Luft – die klimaschädlichste Energieform überhaupt. Ich war gestern auf einer kleinen Exkursion mit Aktivisten vor Ort. Hier ein Video direkt vom riesigen, 60km2 reichenden Tagebaugebiet in Jänschwalde:

Wer die Energiewende will, müsste auch konsequent aus der Kohleverstromung aussteigen. Tatsächlich gibt es kein zweites Land auf der Welt, das mehr Braunkohle fördert und verbrennt als Deutschland! Mehr als 1 Milliarde Tonnen Kohle steht in den bereits aktiven Tagebauen in Brandenburg und Sachsen noch zur Verfügung. Doch ohne Rücksicht auf Klima und Natur will Vattenfall noch weitergraben und die Dinosaurierenergie ins Jahr 2050 retten. Rund 3000 Menschen wären betroffen, wenn allein die laufenden Planverfahren Realität würden.

Die Gemeinde Kerkwitz etwa liegt im geplanten Abbaugebiet, mehrere hundert Menschen müssten den Baggern weichen. Vattenfall kann sich auf ein Bergbaurecht aus der Nazizeit stützen, das die Ressourcen für das Gemeinwohl vor das Recht auf Privateigentum stellt. Wer einer Entschädigung durch den Konzern nicht zustimmt, wird schließlich nach deutschem Recht enteignet.

Dabei ist Energie aus Braunkohle weder künftig notwendig noch gut für das Gemeinwohl. Vor Ort sind die Menschen durch den aufgewirbelten Feinstaub und die Verockerung der Spree gebeutelt, da Sulfat und Eisen aus dem Bergbau ausschwemmen. Um die 80m tiefliegenden Kohleflöze abzugraben muss außerdem ständig das Grundwasser künstlich abgesenkt werden – mehr als 200 Mio. Kubikmeter pro Jahr werden abgepumpt und belasten noch in kilometerweiter Entfernung die Natur.

Hier fahren wir in den Ort Atterwasch ein bis zum See – alles, was im Video zu sehen ist, wäre künftig Abbaugebiet und Kohle-Mondlandschaft:

Obwohl er aus dem kirchlichen Umfeld stammt und die einer der ersten Mitglieder der Grünen Liga Cottbus war mitgegründet hat, steht Brandenburgs Minister Matthias Platzeck (SPD) stramm hinter der Kohle (Platzeck hat inzwischen seinen Rücktritt verkündet). Während Vattenfall auf Werbetafeln „sichere Arbeitsplätze und Energie“ propagiert und sich für die zügige Renaturierung lobt, hängen in den Dörfen Protesplakate aus (s.a. mein Fotoalbum auf flickr). Wie schon zu DDR-Zeiten sind die Kirchen Orte des Widerstands:

Mit einem kleinen Team von Klimakämpfern aus Berlin plane ich derzeit eine Aktion gegen diese Zustände. Was lässt sich jetzt schon tun?

  • Vor Ort organisiert u.a. die Grüne Liga den Protest und freut sich über Spenden.
  • Aktivisten vor Ort kämpfen jetzt um Unterschriften gegen neue Tagebaue – hier mitzeichnen: www.kein-weiteres-dorf.de
  • Wer es nicht vor Ort schafft, kann sich mit dieser fantastischen Website von Greenpeace ein Bild machen und durch die Orte zoomen.
  • Die klima-allianz ist als bundesweiter Verbund erste Anlaufstelle und hat erst im April durch eine Studie des DIW nachgewiesen, das neue Tagebaue „unwirtschaftlich, überflüssig und umweltschädlich“ sind

Danke Katie für´s Mitkommen sowie Christian, René und Falk für´s Rumführen und Informieren!

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Warum die SPD keinen Gewinn aus der Atomdebatte schlägt…

Titelseite der aktuellen SPD-Mitgliederzeitung „Vorwärts“, Mai 2011 (erinnert stark an ein Ströbele-Plakat?!?):

Rückseite der aktuellen SPD-Mitgliederzeitung „Vorwärts“, Mai 2011 (Atom- und Kohlekonzern Vattenfall preist CO2-Verpressung an):

Brauchen wir eine Polizei für die Polizei?

Vielen Dank Amnesty International für die klare Ansprache eines Tabuthemas: Totschlag, Misshandlungen und unrechtmäßige Gewaltanwendung durch deutsche Polizisten. Kurz durchatmen… deutsche Polizisten?!

Im Jahr 2009 wurden 2.955 Ermittlungsverfahren gegen Polizisten
wegen Tötungsdelikten, Gewaltausübung, Zwang oder
Missbrauch des Amtes geführt. Wie diese Ermittlungsverfahren
ausgingen, ist leider nicht statistisch erfasst worden. Ein Blick
auf Berlin zeigt, dass es nur sehr selten zur Anklageerhebung
und noch seltener zu Verurteilungen kommt. Von 1060 in der
Hauptstadt gezählten Anzeigen in den Jahren 2006 bis 2008
führten lediglich 34 zu einer Verurteilung.

Aus zwei Dingen ein sehr wichtiges Thema für mich. Erstens verpassen es Medien abseits des ganz linken Lagers überhaupt mal in die Kritik gegenüber Staatsgewalt zu gehen. Ausnahmen wie der Sonderfall Murat Kurnaz bestätigen da eher die Regel. Wenn wir etwa von Zusammenstößen bei Demos reden, dann hören wir von „143 Verletzten auf Seiten der Polizei“, neulich bei einem Aufmarsch für soziale Gerechtigkeit in Berlin ging es um einen „Bombenanschlag“ auf Polizisten, kurzum: Die Frauen und Männer in den dicken Schutzanzügen sind bedroht, sie erwehren sich dem Schwarzen Block und Co., man kann froh sein, wenn die gegen diese Chaoten mit der gebotenen Härte vorgehen. Soweit mein vermutetes Bild von Polizisten in der allgemeinen Wahrnehmung. Die Medaille hat aber eben immer zwei Seiten.

Zweitens freut mich diese offene, gut recherchierte Aufklärung durch Amnesty, da ich selbst nicht eben Zeuge, aber doch Beobachter von Polizeigewalt war. Zunächst beim G8-Gipfel in Heiligendamm: Dort waren, sicherlich auch durch Medien wie den Spiegel, die „GeSas“ (Gefangenensammelstellen) etwa ein heikles Thema. Hier wurden Demonstranten ohne Verfahren mehr als 24 Stunden bei Dauerlicht und teils nackt gefangen gehalten. Mit dem Filmprojekt Trouble haben wir seinerzeit versucht, die Gewalt von beiden Seiten offen darzustellen. Dann fühlte ich mich noch an die versuchte Besetzung des Berliner Flughafens Tempelhof erinnert, von der ich seinerzeit für den Freitag berichtet hatte. Auch hier konnte ich aus nächster Nähe beobachten, wie Polizisten mit übertriebener Härte einzelne Aktivisten angriffen, einkesselten und im verdeckten Pulk was auch immer mit den Leuten anstellten. Anwälte berichteten später, das die Leute im Polizeiwagen weiter geprügelt wurden.

Ganz klar: Polizisten stehen gerade bei Massendemos, wo ihnen z.T. offener Hass oder auch nur ein Mittelfinger gezeigt wird, unter extremem Stress. Aber sie sollten hierfür ausgebildet sein. Sie sollten mit schweren Stiefeln, Stöcken, Helmen, Brustpanzern nicht gegen teils Unbeteiligte und vor allem Un-Aggressive vorgehen. Sie sollten sich nicht anonym hinter ihren Visieren verstecken dürfen, was eine gewisse Narrenfreiheit sicher begünstigt. Amnesty hat hier sehr deutliche und konstruktive Forderungen gestellt und ich bitte euch diese zu unterstützen.

Als Jugendliche fast jeden Abend den Mauerpark vor meiner Haustür verwüsteten und Müllberge verbrannten, schritt die Polizei zurecht ein. In einer tumultigen Szene erinnere ich mich jedoch – ungenau wohlgemerkt – an ein Zitat eines Polizisten, an dem ich vorbeiging: „Lauft, wenn ihr könnt“, gefolgt von einem hämischen Lachen. Das sind nicht meine Freunde und Helfer. Das sind beunruhigende Fakten und wir müssen in einem Rechtsstaat besonders die überwachen, die uns bewachen sollten.

Fressen und vergessen werden

Auf der Grünen Woche in Berlin wird derzeit geschlemmt, getrunken und gute Laune gemacht. Die industrielle Lanfwirtschaft gibt das Motto vor: Aus weniger Boden immer mehr rausholen, denn die Weltbevölkerung wächst und will ernährt werden. Im letzten Jahr durfte ein BASF-Vorstand schamlos die Notwendigkeit der Gentechnik präsentieren – dass aus der Erde nicht mehr rauszuquetschen ist, als sie auf natürliche Weise nachbilden kann, dieser einfache Fakt scheint den Agrarlobbyisten fern. Themen die ebenfalls ungern angesprochen werden: Die Monopolisierung von Saatgut oder Subventionen auf industrielle Nahrungsmittel, die Bauern etwa in Afrika keine Chance auf fairen Wettbewerb und Einkommen lassen. Es lohnt sich die Fakten des aktuellen Weltagrarberichts gegenzulesen – ein Auszug:

In Kalorien ausgedrückt, ernten Landwirte heute weltweit etwa ein Drittel mehr, als für die ausreichende Versorgung aller Menschen notwendig wäre. Während sich in den vergangenen vierzig Jahren die Weltbevölkerung auf etwa 6,6 Milliarden Menschen verdoppelte, stieg die Produktion der Landwirtschaft im gleichen Zeitraum auf etwa das Zweieinhalbfache. Ein wachsender Anteil dieser Produktion dient allerdings nicht mehr der menschlichen Ernährung, sondern wird als Tierfutter, Treibstoff und für andere industrielle Zwecke eingesetzt. Zwischen 1970 und 2007 sank der Anteil der Unterernährten an der Bevölke- rung in den meisten Ländern; zunächst schnell, dann immer langsamer. Seit Mitte der neunziger Jahre steigt ihre absolute Zahl wieder an, nach den Preisexplosionen auf dem Weltagrarmarkt 2007/2008 auch ihr prozentualer Anteil an der Weltbevölkerung. Heute hungert fast jeder sechste Erdenbürger. Seit sich 1996 die Staatschefs auf dem Welternährungs-Gipfel feierlich verpflichteten, die Zahl der Hungernden bis 2015 um 415 Millionen zu senken, stieg diese stattdessen um weitere 200 Millionen auf über eine Milliarde.

Das Nest wird sich kommenden Freitag auf der Greenwash Woche umschauen und in katastrophensicheren Anzügen ein paar Korrekturen vornehmen. Außerdem präsentieren wir eine Weltneuheit: CCS!

„Cow, Capture & Storage“

simyo: Warum man vielleicht doch eventuell bald wieder dorthin wechseln kann…

Freitag schrieb ich einen doch eher emotionalen Beitrag zum Verhalten des Mobilfunkanbieters simyo. Über Twitter fand ich einen ebenfalls unzufriedenen Kompagnon und über diesen wiederum den Account @simyo_service. An diese Adresse richtete ich ebenfalls einen frechen Kommentar und – siehe da – hatte plötzlich eine ausführliche, individuelle Mail der Pressesprecherin im Postkorb.

Die Lehren:

  • Social Media kicks Verbraucherthemen und kann zumindest anständige Reaktionen erzwingen.
  • Faktisch besser is jetzt nix.
  • Sozioökonomisch: Wenn schon Pressesprecher auf schlecht gelaunte Blogger reagieren, dann steht für Unternehmen verdammt viel Kommunikationsarbeit an (=Kosten)

Und hier der Mailverkehr im unkommentierten Originalton (mit Erlaubnis der Absenderin):

Hallo Daniel,
>>
>> ich arbeite bei simyo und bin via Twitter und Deinem Blog auf Dein
>> Problem mit simyo aufmerksam geworden und wollte darum gerne Kontakt
>> zu Dir aufnehmen.
>>
>> Einfach via Email, aber wenn Du möchtest, oder es bevorzugst, würde
>> ich den Sachverhalt natürlich offen in Deinem Blog kommentieren. Ich
>> möchte nur vermeiden, dass es wie ein „offener Schlagabtausch“
>> herüberkommt.
>>
>> Mir sind 2 Punkte wichtig, da ist einmal das Verhalten des
>> Serviceteams und der Prozess als solcher.
>>
>> Ich fange mit Erstem an — hier habe ich vollstes Verständnis, wenn
>> man durch „matter of fact“ Ansagen und reines Textbausteinantworten
>> genervt ist. Und man ist auch genervt bis zum Platzen, wenn man über
>> viele Tage keinen Empfang hat. Aber — und hier kommt der Prozess ins
>> Spiel.
>>
>> Du bist (oder Du solltest) definitiv von der Sperrung mit Mail
>> (Spamfilter?) informiert worden sein. Es wird „nicht einfach mal so“
>> abgestellt. Das man aus vielerlei Gründen die Rechnung mal nicht
>> begleichen konnte, passiert. Aber so sehr man als Mensch in dem Moment
>> darunter leiden muss, als Unternehmen muss man sich schützen und all
>> die Menschen (Mitarbeiter, Kunden), die von einem abhängen. Das
>> Unternehmen/der Service, der Inkassobereich wissen ja erst einmal
>> nicht, in welcher Situation dies geschehen ist — und dürfen (für den
>> Einzelnen leider) nicht noch ein wenig warten, bis vielleicht doch das
>> Geld kommt.
>>
>> Wie gesagt, die Situation kann passieren –ist mir mit Kontowechsel
>> einmal und mit abgelaufener Kreditkarte ein anderes Mal selbst passiert.
>>
>> Was ich dann etwas verwunderlich finde, ist die Aussage, Du seiest 1
>> Monat später immer noch nicht freigeschaltet gewesen — hast aber
>> nicht dazu geschrieben, wie lange Du selbst zum Begleichen der
>> Rechnung benötigt hast. Das ist hier kein Schuldwegweisen, glaub mir,
>> ich möchte und kann uns hier nicht sauber waschen — und als Kunden
>> haben wir Dich verloren — aber Objektivität mag auch einem kritischen
>> Menschen und seinem Beitrag gut stehen. Und dafür stehe ich ein.
>>
>> Bei jedem Anbieter kostet die Rufnummernmitnahme 25 Euro und benötigt
>> einen festen Zeitraum, der bis zu 6 Wochen dauern kann — aber auch
>> viel länger, falls es zwischen den Datenabgleichen hakt. Alleine bis
>> die Prozesse zwischen den Anbietern klar sind und alles geprüft ist,
>> vergeht eine Weile. Auch hier hat das nichts mit Willkür zu tun, oder
>> mit Trietzen — Du möchtest weg, also lassen wir das zu (ich gehe hier
>> jetzt gar nicht auf Kulanz, unsere AGB’s und das Aktivitätsfenster
>> näher ein), aber es dauert eine bestimmte Zeit und es kostet –wie bei
>> allen Anbietern- das Selbe. Da kann man sich in dem Moment drüber
>> aufregen, aber das wird Dir bei jedem Anbieter gleichermaßen genau so
>> gehen. Du fühlst Dich ungerecht behandelt? Du bist kein Fan von simyo!
>> Alles akzeptiert. Aber bitte höre unsere Entschuldigung an. Es tut uns
>> sehr leid, dass das Verhältnis „zerrüttet“ auseinander geht. Und wir
>> bedauern die Tatsache, dass wir Dich mit der Art der Ansprache in Rage
>> gebracht haben.
>>
>> Die Portierung Deiner Rufnummer geschieht zum 13.8.
>>
>> Wenn ich ansonsten etwas tun kann, melde Dich gerne und jederzeit.
>>
>> Vielen Dank und alles Gute.
>>
>> Mit herzlichem Gruß nach Berlin,
>>
>> Ira
>>
>> *Ira Reckenthäler**
>> *Pressesprecherin

Meine Antwort:

> Hallo Ira,
>
> danke für die persönliche und ausführliche Antwort. Von der Sperrung
> habe ich nun mal nichts mitbekommen, es gab keine Vorwarnung, die hier
> bei mir angekommen ist. Die lange Sperrung hat mit einer folgenden,
> neuerlichen Rechnung zu tun, für die ich ebenfalls ein paar Tage zum
> Ausgleich brauchte (im Blog allerdings nicht erwähnt).
>
> Trotz aller Eigenfehler habe ich das Gefühl, dass der Provider in allen
> Sachlagen am längeren Hebel sitzt: Sofort abschalten, schlecht
> kommunizieren, harte Strafen statt Kulanz und warum eine Portierung eine
> weitere Woche dauern muss (seit rund ZWEI Wochen bin ich schon bei
> T-Mobile im Vertrag!) kann ich einfach nicht verstehen.
>
> Der Blogpost war ganz sicher auch emotional formuliert von mir (kam mit
> den tollen Neuigkeiten gerade aus dem Shop), die Sache mit
> Rechtsanwälten und Journalisten war wohl etwas dick aufgetragen. Ich
> habe derzeit keine Zeit, um alles für einen Rechtsanwalt
> aufzuschlüsseln, es würde die Kosten wohl auch nicht rechtfertigen. Aber
> ihr solltet echt mal überlegen, wie ihr da in Zukunft kommuniziert und ob
> ein Anruf oder andere direkte Arten der Kommunikation nicht sinnreicher
> sind als unpersönliche „Abstrafungen“.
>
> Danke für deine Antwort. Ich fänd’s schon gut, wenn wir diesen
> Mailverkehr (mit deiner Zustimmung) im Blog dokumentieren und sehe es
> nicht (mehr) als Schlagabtausch.
>
> Gruß,
> Daniel

Letzter Akt:

Ira Reckenthäler schrieb:
> Hallo Daniel,
>
> gerne stimme ich zu, den Mailverkehr (meine Antwort und deine Antwort) im Blog zu posten.
> Ich nehme Deinen Punkt der menschlichen, aufmerksamen Kommunikation gerne auf und trage ihn intern weiter.
> Übrigens folgen wir dir jetzt mit unserem Twitterkonto simyo_Ticker. Dahinter stehen meine Kollegin und ich.
>
> Hätten wir eher Kontakt gehabt, hätten wir Dich gerne auf der einfach@simyo.de versorgt. Wohl denn. Lass mich gerne wissen, wenn ich noch etwas tun kann.
> PR wird zwar oft als Lautsprecher profaner Werbefloskeln betrachtet, aber wir verstehen uns lieber als Mittler, mal Diplomat, mal Dolmetscher und mal als Sisyphos, der den Stein immer wieder hochrollt – und ich kann versichern, da bleibt auf dem Weg was hängen. Da kommt was an. Auch bei uns. :)
>
> Lass es Dir gut gehen!
>
> Herzlichst, Ira

Ich bin sozial unruhig!

P1000273

Wir alle sind Bankenretter.
Wir alle haben bezahlt und werden bezahlen. Für die Banken.
Die Banken, die die Weltwirtschaftskrise verursacht haben.

Eine Mail von Ingmar regte mich an, nun (auch noch) das Thema Wirtschaftskrise aufzugreifen. Ich möchte hiermit die Aktion „Ich bin sozial unruhig!“ starten – der Spruch wurde erstmals von der verdi-Jugend bei den Gewerkschafts-Protesten in Berlin verwendet.

Das Problem und die Forderungen:

  • Ich bin Unternehmer. Ich muss Aufträge gewinnen, um mein Essen zu bezahlen. Mache ich Fehler, werde ich bestraft, arbeite ich gut, gewinne ich Aufträge und Geld. Für Banken- und Unternehmensmanager gilt dies selten. Ihre Perspektive ist kurzfristig, profitorientiert und das Geld landet als Monatsgehalt unabhängig von der Leistung sicher auf dem Konto. Eine Frau beim Kaiser´s wird für einen unterschlagenen Betrag von 1,30 Euro gefeuert, ein nachweislicher Wirtschaftsverbrecher wie Zumwinkel geht mit 20 Millionen nach Hause – auch ohne Wirtschaftsstudium dürfte jedem klar sein, das unser Belohnungssystem total aus den Fugen geraten ist.
  • Nun also: Krise. Wenige Entscheider haben eine Welle von Pleiten losgetreten. Menschen weltweit werden zu Tausenden entlassen, viele Stimmen sagen, die Spitze des Eisbergs sei noch längst nicht erreicht. Es trifft besonders kleine Unternehmen, deren Kredite eingefroren werden, obwohl sie sauber wie immer gearbeitet haben. Das Versagen weniger wird auf alle sozialisiert.
  • Plötzlich wimmelt es von dreistelligen Millionzahlen in den Zeitungen, der Staat schüttet kübelweise frisches Geld in strauchelnde Banken und die Großindustrie. Dieses Geld ist gar nicht real existent. Per Steuern wird es wieder vom Bürger genommen, der es vielleicht lieber gegen die Schließung des Schwimmbads oder der Jugendeinrichtung um die Ecke eingesetzt hätte. Niemand hat uns gefragt. Unsereins muss penibel seine Steuern abdrücken, der Deutschen Rentenversicherung Arbeitsverhältnisse nachweisen, die fünf Jahre zurück liegen (bei mir gerade der Fall), die GEZ denkt sich was Neues aus, obwohl man seinen Fernseher bereits entsorgt hat. Schäuble zieht die Datenschraube an und wie jüngst erfahren, hat auch Ursula von der Leyen nicht die geringste Ahnung von dem, was sie da verbieten möchte. Oben werden Millionen durchgewunken, nach unten wird jeder Euro abgeknöpft.
  • Das System hat versagt, die Korrektur bleibt aus. Ich möchte die Krise immer als Chance verstehen, so wie Umbrüche im eigenen Leben ebenfalls zu einem neuen, besseren Kurs führen können. Doch die etwa von einem Green New Deal geforderte Kopplung der Staatszuschüsse an ökologische und soziale Bedingungen bleibt aus. Noch immer werden auf dem Golfplatz Millionen verschoben und Entscheidungen von weltweiter Bedeutung in Kaminzimmern getroffen.
  • Ich mag einfach nicht glauben, das wir Bürger alle zu dumm sind, die wichtigen politischen Entscheidungen wegen mangelnden Fachwissens mitzutragen. Allein, es gibt keine echte Chance zur Partizipation. Manchmal leuchten demokratische Schlaglichter auf, die Petitionen zum Grundeinkommen und der Internetzensur sorgten für Aufsehen. 50.000 Menschen (!) müssen wir zusammenbringen, um überhaupt Gehör bei den politischen Entscheidern zu finden. Transparente Beschlüsse und mehr Möglichkeiten zur Partizipation sind absolut überfällig. Deshalb muss der bundesweite Volksentscheid her!

Im Klartext:

    1) Gegen undurchsichtige und vom Bürger (=Kostenträger) nicht genehmigte Millionenzahlungen an Banken und Großindustrie

    2) Für mehr Transparenz und Mitbestimmung bei der Bewältigung der Krise

    3) Deutschlandweite Deckelung von Jahresgehältern bei 1 Mio. Euro (wie kann ein Mensch mehr ausgeben?!)

    4) Bindung der Finanzspritzen an ökologische und soziale Bedingungen (Green New Deal)

    5) Grundsatzdebatte über ein völligst vergeigtes Belohnungssystem (wer schafft wirklich gesellschaftlichen Wert?)

    6) Für den bundesweiten Volksentscheid und geringere Hürden für direkte Demokratie

      Die Motivation zur Vernetzung überlasse ich nochmal Ingmar:

      Macht einfach! Jeder ist Chef. Wir alle sind die Leiterinnen und Leiter all dessen. Niemand braucht einen Vormund. Macht einfach, was immer ihr JETZT für richtig haltet (…) Beteiligt euch für nur 10 Minuten am Tag, fragt eure Organisationen, Netzwerke, Freunde wie sie zu der Bankenrettung stehen und ich verspreche euch, WIR werden zusammen etwas bewegen (…) In diesem Sinne last uns alle vernetzen, die es zu vernetzen gilt und
      lasst uns Wege finden, wie wir vor Ort die Menschen und auch die kleinen Unternehmen dabei unterstützen können Bürger Communitys aufzubauen, die ihre Stimme erheben. Jeder unter seiner Flagge!

      Am 1. April hat Ingmar eine Petition eingereicht, in der er die Beteiligung der Bürger am Bankenrettungsprogramm einfordert – bislang ohne Reaktion. Details zur Petition auf Glocalist, Ingmar´s Kampagne „Wir Bankenretter“ kann auf twitter und per Mailingliste verfolgt werden.

      Meinerseits habe ich eine facebook-Gruppe dazu eingerichtet, bitte tretet bei und macht weitere Vorschläge.

      Weitere Anregungen und mehr Hintergründe gibt es auch beim DGB und attac.

      Protestpremiere

      [blip.tv ?posts_id=1752604&dest=-1]

      Für jemanden mit meinem doch recht engagementären Hintergrund ist´s schon recht peinlich, noch nie auf einer Demo gewesen zu sein. Letzte Woche war es dann soweit und zu ca. 2000 zogen wir gegen das Atomforum los. Die Herren der großen Stromkonzerne versammelten sich im Maritim an der Friedrichsstraße um zu besprechen, wie sie ihre Atomschleudern der Öffentlichkeit noch glaubwürdiger als „Klimaschützer“ verkaufen können.

      War Tschernobyl etwa klimaneutral?

      …fragte dazu eines der gezeigten Transparente. Ich mag diesen Uraltvergleich nicht so sehr, weil er genauso mit der Angst spielt, wie die Energieversorger uns mit ihrem Gewäsch von der Energielücke einnehmen wollen. Fakt ist: Jeder Tag AKW-Betrieb spült Millionen in die Kassen der Konzerne. Und trotz Zwischenfällen etwa in Biblis oder im Lager Asse, trotz des strahlenden Giftmülls, der noch für Millionen Jahre unsere Nachfahren beschäftigen wird, trotz der vorhandenen alternativen Energiequellen, wollen die großen Energieerzeuger ihre Auslaufmodelle über die Zeit retten und den Atomausstieg zu Fall bringen.

      Gerade beim Thema „Atom“ denkt man an Rastalocken, Batikshirts und Pappnasen mit Trillerpfeifen. Und die waren wie immer auch dabei. Das Gros der Demonstranten sind jedoch kritische Bürger wie du (?!) und ich und es entsteht ein recht wohliges Gefühl der Solidarität, wenn man zu hunderten durch Berlins Mitte zieht, die Bürosklaven staunend aus dem Fenster schauen und man selbst folgenden Gedanken nicht los wird:

      Tja, wir sind diejenigen, die euch mal den Arsch retten werden.

      Defintiv nervig waren die Lautsprecherdurchsagen von „Linke Jugend X“ und „Bürgerbewegung Y“ mit ihren politischen Meinungen, zu denen ich eigentlich nicht angetreten war und unter deren Flagge man dann fremd-vereinnahmt wird. Ein stimmiges Highlight war dagegen der Song „Du schreibst Geschichte“ bei voller Lautstärke unter der S-Bahn Friedrichstraße. Rein stimmungsmäßig rate ich den Initiatoren außerdem dazu, die Ultras aus den Fußballkurven zu gewinnen. Dann können die ihr „Auf Wiedersehen“ und „Ihr könnt nach Hause fahren“ noch sinnvoller als sonst einsetzen…