Archiv der Kategorie: Gefahr

Wie können wir den Wandel überstehen? Gibt es Richtlinien, an denen sich der Einzelne orientieren kann?

Ich ermutige die Leute dazu, sich für die Lösung der Probleme ihre eigenen Richtlinien zusammenzustellen. Ich habe ein paar, die sich als sehr nützlich erwiesen haben. Die erste ist, dankbar dafür zu sein, in einer Zeit zu leben, die so sehr zur Veränderung herausfordert und diesen sinnlichen, fast erotischen Instinkt in uns weckt, das Leben zu erhalten.

Der zweite Ratschlag lautet: Hab’ keine Angst vor der Zukunft, die in der Dunkelheit liegt, keine Angst von Ungewissheit, Stress, Verlorenheit, denn all das gehört zu einem einschneidenden Wandel dazu. Alles neue reift zuerst im Dunkeln. Und wir können nicht auf fertige Pläne warten, um den nächsten Schritt zu tun.

Der dritte Tipp ist: Ärmel hochkrempeln. Engagiere Dich politisch, verschaff Dir Durchblick, stell’ Fragen nach Ziel und Sinn! Jeder kann das! Lehn Dich nicht zurück, lass Dich nicht entmutigen oder lähmen. Es gibt so viel zu lernen und zu tun in dieser Zeit.

Und viertens würde ich sagen: Habe Mut zur Vision. Wenn wir die Psyche mit einem Muskel vergleichen, dann ist die Vorstellungskraft unser am wenigsten entwickelte Muskel. Wir müssen es uns erlauben, positive Visionen der Zukunft in uns erblühen zu lassen. Denn es wird nichts Neues durch uns in die Welt kommen, was nicht vorher in unserem Bewusstsein Gestalt angenommen hat.

Joana Macy prägt den Begriff Tiefenökologie und hat hier ein tolles Interview gegeben.

Der Klimawandel ist 80m tief und 60km2 weit

In der Lausitz verloren in den vergangenen 80 Jahren mehr als 30.000 Menschen ihre Heimat, weil sie einem Tagebau weichen mussten. 136 Orte verschwanden ganz oder teilweise von der Landkarte. (via Klimacamp Lausitz)

Rund um Cottbus, ca. 120km südlich von Berlin, räumt der Energiekonzern Vattenfall Wälder, Seen und Menschen für den Braunkohlebergbau ab. Rund 50 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr blasen die anliegenden Kraftwerke Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe in die Luft – die klimaschädlichste Energieform überhaupt. Ich war gestern auf einer kleinen Exkursion mit Aktivisten vor Ort. Hier ein Video direkt vom riesigen, 60km2 reichenden Tagebaugebiet in Jänschwalde:

Wer die Energiewende will, müsste auch konsequent aus der Kohleverstromung aussteigen. Tatsächlich gibt es kein zweites Land auf der Welt, das mehr Braunkohle fördert und verbrennt als Deutschland! Mehr als 1 Milliarde Tonnen Kohle steht in den bereits aktiven Tagebauen in Brandenburg und Sachsen noch zur Verfügung. Doch ohne Rücksicht auf Klima und Natur will Vattenfall noch weitergraben und die Dinosaurierenergie ins Jahr 2050 retten. Rund 3000 Menschen wären betroffen, wenn allein die laufenden Planverfahren Realität würden.

Die Gemeinde Kerkwitz etwa liegt im geplanten Abbaugebiet, mehrere hundert Menschen müssten den Baggern weichen. Vattenfall kann sich auf ein Bergbaurecht aus der Nazizeit stützen, das die Ressourcen für das Gemeinwohl vor das Recht auf Privateigentum stellt. Wer einer Entschädigung durch den Konzern nicht zustimmt, wird schließlich nach deutschem Recht enteignet.

Dabei ist Energie aus Braunkohle weder künftig notwendig noch gut für das Gemeinwohl. Vor Ort sind die Menschen durch den aufgewirbelten Feinstaub und die Verockerung der Spree gebeutelt, da Sulfat und Eisen aus dem Bergbau ausschwemmen. Um die 80m tiefliegenden Kohleflöze abzugraben muss außerdem ständig das Grundwasser künstlich abgesenkt werden – mehr als 200 Mio. Kubikmeter pro Jahr werden abgepumpt und belasten noch in kilometerweiter Entfernung die Natur.

Hier fahren wir in den Ort Atterwasch ein bis zum See – alles, was im Video zu sehen ist, wäre künftig Abbaugebiet und Kohle-Mondlandschaft:

Obwohl er aus dem kirchlichen Umfeld stammt und die einer der ersten Mitglieder der Grünen Liga Cottbus war mitgegründet hat, steht Brandenburgs Minister Matthias Platzeck (SPD) stramm hinter der Kohle (Platzeck hat inzwischen seinen Rücktritt verkündet). Während Vattenfall auf Werbetafeln „sichere Arbeitsplätze und Energie“ propagiert und sich für die zügige Renaturierung lobt, hängen in den Dörfen Protesplakate aus (s.a. mein Fotoalbum auf flickr). Wie schon zu DDR-Zeiten sind die Kirchen Orte des Widerstands:

Mit einem kleinen Team von Klimakämpfern aus Berlin plane ich derzeit eine Aktion gegen diese Zustände. Was lässt sich jetzt schon tun?

  • Vor Ort organisiert u.a. die Grüne Liga den Protest und freut sich über Spenden.
  • Aktivisten vor Ort kämpfen jetzt um Unterschriften gegen neue Tagebaue – hier mitzeichnen: www.kein-weiteres-dorf.de
  • Wer es nicht vor Ort schafft, kann sich mit dieser fantastischen Website von Greenpeace ein Bild machen und durch die Orte zoomen.
  • Die klima-allianz ist als bundesweiter Verbund erste Anlaufstelle und hat erst im April durch eine Studie des DIW nachgewiesen, das neue Tagebaue „unwirtschaftlich, überflüssig und umweltschädlich“ sind

Danke Katie für´s Mitkommen sowie Christian, René und Falk für´s Rumführen und Informieren!

Eine Vision

Dominik sagt, wir sollen „das mal bloggen“, dann steht´s da und ist draußen. Stimmt und dieser Blog braucht eh dringend mal wieder Futter.

Nun, wir haben ein Projekt erfunden, in das wir grad sehr viel Hoffnung und Herzblut stecken, sind in der Finanzierungsphase und werkeln noch an allen Ecken und Enden am Konzept.

Jedenfalls sähe so meine „Vision“ von OPEN STATE aus:

Wir leben in einer Zeit vollgestopft mit Möglichkeiten und Wissen. Gleichzeitig gibt es große Hoffnungslosigkeit, wie wir die Klima-, Ressourcen- und Energiekrise noch bewältigen sollen, bevor Kipppunkte überschritten werden, die die „Welt wie wir sie kannten“ (Welzer) irreversibel verändern.

Viele Menschen sind auf dem Weg – nennen wir sie Philanthropen, Sozialunternehmer, Nachhaltige. Doch in Summe kann diese „Welle des Guten“ dem „perfekten Sturm von Krisen“ in keinster Weise standhalten. Studie um Studie beweist es und meist sind die Zahlen schlimmer als zunächst prognostiziert.

In dieser Zeit versagen – pauschal formuliert – unsere vertrauten Eliten namens Politik und Wirtschaft. Für beide Akteure sind singuläre Motivationen wie Macht/Gewinn letztlich ausschlaggebender als das Gemeinwohl, sie stecken in systemischen Logiken, die letztlich gar nicht zu durchbrechen sind. Bleibt „der Bürger“. Dem fehlt die Fantasie, die Utopie, die Konkretisierung einer lebenswerteren Welt, damit man sich gemeinsam zu einem völlig anderen Lebensstil hinwenden kann. Dabei ist nicht die Frage, ob ich „bio“ kaufe. Die Frage wäre, warum es überhaupt was anderes als bio zu kaufen gibt. Nicht die Frage, ob ich Auto oder ÖPNV fahre, sondern warum unsere gesamte Wirtschaftswelt auf dem Klimakiller Erdöl aufbaut. Es gibt im derzeit Falschen nichts Gutes, was gut genug wäre.

Wenn es so ist, wie es nicht sein darf und dazu derart komplex und überwältigend – was bleibt einem dann zu tun? Reicht es zu sagen: Ich lebe so gut es geht, ich mache das Beste draus, es geht „uns“ doch gut? Nein, einfach nur: Nein. Und deshalb mussten wir irgendwas aufschreiben und probieren das jetzt.

1. Das Gute ist schon da
Wir fassen die direkte Lebensumgebung ins Auge und konzentrieren uns auf die Sektoren Energie, Mobilität, Infrastruktur, Kommunikation und Ernährung. Wir wissen, das sich hunderte von Projekten/Unternehmen/Initiativen in diesen Themen engagieren und es besser machen als der Status Quo. Punkt 1: Wir finden sie.

2. Der Katalysator
Für einen ersten „Open State“ stecken wir zehn dieser Projekte in ein fünfwöchiges Camp, in dem sich diese ideal weiterentwickeln können. Wir trommeln Experten und Berater zusammen, die die individuellen Herausforderungen dieser Projekte behandeln (z.B. Marketing, Teamaufbau, Skalierung). Alle gemeinsam durchlaufen sechs Phasen, um am Ende deutlich gestärkt zu sein und „fit“ für den Mainstream:

> Inspiration > Konzeption > Prototyping > Vernetzung > Storytelling > Implementierung

Mainstream? Wenn da draußen so gute Ideen sind, dann müssen sie so mächtig werden, das sie zementierte Branchen umwälzen können. Kohlekraft adé, Energiegenossenschaft ahoi. Wenn wir das große Schlimme abwenden wollen, müssen wir das kleine Richtige maximieren und multiplizieren. Punkt 2: Wir haben die Methode dazu.

3. Von Open Source zu Open State
Das Netz ändert alles. Coder in aller Welt basteln freiwillig an Linux, Firefox und Co. mit und schaffen mindestens gleichwertige Produkte neben kommerziellen Lösungen. Die Crowd ist nicht nur schlauer, sie ist auch effektiver (s.a. Publikumsfrage bei „Wer wird Millionär?“). Können wir diese Logik auf nachhaltige, zukunftsfähige Projekte ummünzen? Wir versuchen es. Nach dem Camp werden alle zehn Projekte als Blaupause im Netz veröffentlicht, sind damit kopier- und erweiterbar. Was in Potsdam funktioniert, müsste angepasst auch in Pittsburg oder Pretoria gehen. Punkt 3: Alles ist offen und damit für jeden nutz- und wiederholbar.

4. Bäm!
So weit, so gut. Aber alles wurscht, wenn wir nicht den Zeitgeist treffen, eine Knallerbotschaft formulieren, Bildsprache und Emotionalität stimmen. Also brauchen wir: Kampagne. Vielen bisherigen Weltretterprojekten fehlt eben dieses „attraktive Äußere“, das aber letztlich voll ins Herz treffen muss, dort stecken bleibt und den Zuschauer zur Tat treibt. Punkt 4: Wir arbeiten dran.

5. Machen, machen, machen
Nicht die Utopie ist unmöglich, sondern unsere Gegenwart. Wir beleidigen unsere eigene Intelligenz, wenn wir wider besseren Wissens unsere ökologischen Grundlagen vernichten. Also bitteschön: Wir brauchen einen konstruktiven Spielplatz, wo wir ein anderes Leben auch wirklich ausprobieren und anfassen können. Dann erzählen wir davon vielen, vielen Menschen. Dann können wir wieder an was glauben. Dann werden wir eine Bewegung. Dann ändern sich die Dinge.

Weil wir es wollen. Weil wir es können.

Systeme, nicht Dinge

ImageFoto: Daily Grind Photography

Aus dem Artikel von Rex Weyler, Greenpeace:

One strength of the human species is our acute ability to learn. Our society appears steeped in denial, but we can learn from our ecological mistakes. Our “solutions” to the challenges of ecology on a crowded planet have not yet been successful. “We’re winning a lot of battles,” Greenpeace Executive Director Kumi Naidoo said at the 40th anniversary of Greenpeace, “but we’re still losing the war.” Sadly, this is true. Every day, our planet is poorer, with less forests, less species, less fresh water and arable soil, and more desserts, more toxins, and more CO2 in the atmosphere. To reverse this, we need to learn about the systems in which we live.

A recent ad campaign from International Business Machines (IBM) imagines innovations to create “a smarter planet.” But Nature has news for IBM. The planet is already far smarter than any human engineer. We cannot manage Nature. Rather, we need to apprentice ourselves to Nature, to learn how Nature solves dilemmas and sorts out imbalances.

For every species other than humans, the biggest environmental issue on Earth is Humanity. If we don’t change our ways, seriously and thoroughly change, then nature will eventually leave us behind and carry on without us.

Danke für Link, Dominik.

Warum die SPD keinen Gewinn aus der Atomdebatte schlägt…

Titelseite der aktuellen SPD-Mitgliederzeitung „Vorwärts“, Mai 2011 (erinnert stark an ein Ströbele-Plakat?!?):

Rückseite der aktuellen SPD-Mitgliederzeitung „Vorwärts“, Mai 2011 (Atom- und Kohlekonzern Vattenfall preist CO2-Verpressung an):

Energiebosse treffen, Erneuerbare rasieren

Es ist mal wieder zum Haare raufen, was sich derzeit in der Energiepolitik tut. Die SZ meldet sich in zwei Artikeln heute zum Versuch des Bundeskartellamtes, den vier großen Energieversorgern künstliche Verknappung der Energiezufuhr und damit Preismanipulation vorzuwerfen. Die vorliegenden Daten sind scheinbar so umfassend und undurchsichtig, dass nicht mal die Behörden einen Durchblick schaffen:

Nach wie vor teilen sich die Konzerne mehr als 80 Prozent des Strommarktes auf. Alle vier Unternehmen verfügen über eine marktbeherrschende Stellung. Das Fazit des Kartellamts ist bei weitem kein Beleg für faire Verhältnisse im Energiesektor. Es liefert vielmehr den Beleg für die Ohnmacht deutscher Behörden beim Versuch, die Marktmacht der Konzerne zu brechen.

Tatsächlich fielen den Wettbewerbshütern beim Durchleuchten von 300 Millionen Daten allerhand Seltsamkeiten auf dem Strommarkt auf. So stießen sie auf eine eigenartig hohe Zahl von Kraftwerken, die aus technischen Gründen zur Stromproduktion gerade „nicht verfügbar“ waren, wenn sie gebraucht wurden. Egal, ob Kohle, Atom, oder Gaskraftwerke: Im Durchschnitt stand ein Viertel aller Erzeugungskapazitäten aus technischen Gründen still.

EIN VIERTEL aller Kapazitäten stillgelegt?! Wir erinnern uns an das ständig geschürte Vorurteil der Konzerne, die Erneuerbaren könnten den Strombedarf allein nicht decken – lächerlich!

Am Mittwoch Abend wurde beim Treffen der Energiebosse mit Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich: Die vier Konzerne sehen sich noch lange nicht am Ende. Sie wollen ihre Marktmacht weiter ausbauen. Über eine europaweite Harmonisierung der Ökostromförderung debattierte die Runde. So könnten deutsche Förderinstrumente ausgehebelt werden. Die Folge: Weniger Solarstrom von deutschen Dächern und mehr aus Solarkraftwerken in Südeuropa. Die Marktmacht der Großkonzerne wäre zementiert.

Das zweistündige Treffen [der Kanzlerin mit RWE, Eon, Vattenfall, EnBW] hatte zuvor bei Ökostrom-Verbänden und Opposition Befürchtungen geweckt, die Konzerne planten einen Angriff auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Sie bevorzugen, wie auch EU-Energiekomissar Günther Oettinger, ein europaweites Zertifikatesystem. Dabei müssen Stromhändler gewisse Mengen Ökostrom einkaufen, um Quoten zu erfüllen. Das deutsche System garantierter Vergütungen wäre damit hinfällig…

Wie scheinheilig liest sich dagegen folgender Passus, den ich neulich auf der Vattenfall-Homepage entdeckte:

Vattenfall hält den Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien für richtig und wichtig. Wir halten es jedoch auch für notwendig, Sie als unsere Kunden darüber zu informieren, dass die durch den Ausbau entstehenden Mehrkosten letztlich jeder Bundesbürger in Deutschland mit seiner Stromrechnung zahlt.

Röttgens neuer Brüderle heißt wohl Oettinger im koalitionsinternen Duell. Wenn er wieder den Kürzeren zieht, können wir uns auf Jahre des Stillstands in Sachen Erneuerbare einstellen. Das macht wütend, denn mit den alten Zementstrukturen kommen wir nicht aus der Klimafalle und hängen weiter am gefährlichen Atomtropf. Beides wäre mit einer konsequenten Förderung der Erneuerbaren vermeidbar. Die Regierung als Kaminpartner der Großkonzerne scheint auf einem anderen Trip – ins energiepolitische Nirwana.

Deutscher Nachhaltigkeitspreis: Das Weiße im Schwarzen

Was haben McDonalds, Coca Cola und Heintz Ketchup gemeinsam? Sie alle durften alternativlos das Catering für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis stellen (jedenfalls zwischen den Mahlzeiten). Dazu gab es noch eine schöne Werbephalanx mit Deutscher Bank, Unilever & Co. Kleiner Lichtblick waren ein paar unbemannte Kisten demeter-Äpfel im gleichen Raum. Bionade oder sonstiges Biofood waren auf dem ganzen Gelände vergeblich gesucht.

So kam es auch zu angeregten Unterhaltungen in der Gruppe der Ökoprofis und Greenwash-Sensiblen, was die Promodame an der Werbephalanx mit folgender Aussage quittierte: „Macht euren Stuttgart21-Kram doch zu Hause!“ Das Personal also auch: Bestens auf Nachhaltigkeit eingestellt. Fremdschämen war angezeigt.

Leicht aufgewühlt ging es in die Panels, die dank prominenter Fachbesetzung dennoch einen lohnenswerten Tag brachten:

Zunächst fiel mir der Chef von Osram auf, der sehr viel von „Licht“ sprach. LEDs sind ja das „Licht der Zukunft“ und Osram hat ein Programm entwickelt, das klimaschädliche und gesundheitsgefährdende Brennlichter eben durch Lampen ersetzt. Schon mal ein Unternehmen, dem man die traditionell verschriebene Nachhaltigkeit abkaufen darf. Die Berliner GesoBau hingegen baut laut eigenen Aussagen die größte Niedrig-Energie-Siedlung Deutschlands im Märkischen Viertel, ein sozial kritischer Teil von Berlin. Und auch der Vaillant-Chef gab sich engagiert: Sein Unternehmen vertreibt energieeffiziente Geräte und ist wie so viele geschockt vom unzureichenden Energiekonzept der Regierung, dass die wichtigen Themen „Wärme, Mobilität, Effizienz oder Kraft-Wärme-Kopplung  völlig unzureichend anspricht“.

Unternehmerisch ging es weiter mit Jamie Oliver: „Charities are bullshit, social business is the future“, brachte es der Brite auf den Punkt. Der „Naked Chef“ präsentierte Videos von US-Kindern, die Sellerie, Tomaten oder Kartoffeln immer wieder als „Onions“ (Zwiebeln) einschätzten oder einfach mit den Schultern zuckten. Oliver nutzt seine Bekanntheit, um Kindern und Jugendlichen gesunde Ernährung und das Kochen näher zu bringen. Jamie’s Tipp: „Inspire the public to expect more“ – wer weiß, was gut ist, fordert es auch ein. Die Erkenntnis: Ein Unternehmen wie McDonalds hilft niemandem – diese Arten von Firmen sollten wir uns demnächst einfach sparen, oder?!

In der Mittagspause – ich ließ mich zugegebenermaßen zu einem McCafé hinreißen – hatte ich die zufällige Ehre mit Ernst Ulrich von Weizsäcker ins Gespräch zu kommen. Sein Tipp, den er als „unpopulär“ bezeichnete: Energie muss teurer werden. Dann erst würden die nötigen Hebel für Effizienz und bedachten Verbrauch in Gang gesetzt. Ausgeführt hat das der weise Herr in seinem Buch Faktor 5.

Weiszäcker gemeinsam mit Klaus Töpfer, Thilo Bode und Götz Werner bildeten schließlich die ehrenwerte Elefantenrunde des Abends. Werner, dm-Chef und Verfechter des Grundeinkommens, merkte man die antroposophische Schule mit Fokus auf den Einzelnen an: „Die Frage ist: Können wir so in den Diskurs kommen, dass ein neues Bewusstsein entsteht? Wir brauchen den sich selbst bildenden Mensch. Es gibt keine „Konzerne“, es gibt nur Menschen, die Entscheidungen in Konzernen treffen.“ Dem entgegnete Klaus Töpfer, das zumindest den Deutschen ein wenig Zwang nicht schade: „Die haben schneller den Müll getrennt als das wir wussten, was wir mit dem getrennten Müll anfangen sollen!“. Bode hielt sich knapp und knackig: „Einzelne Industrien dürfen sich nicht weiter gegen das Allgemeinwohl durchsetzen. Wir müssen die Demokratie retten.“ Ein anregendes Panel, das für den geschulten Ökosozi Bestätigung, aber keine neuen Erkenntnisse brachte. Die weisen Herren erwähnten es selbst:

„Nachhaltigkeit“ gibt es seit dem Gipfel von Rio im Jahr 1992. Und trotzdem wird die Welt eher jeden Tag schlechter als besser.

Letzten Endes stand ich zitternd wartend auf einen 40-minütig verspäteten Regionalexpress am Flughafen Düsseldorf und blätterte begeistert in der Broschüre von Vaillant. Bei dem Gedanken an „Wärmepumpen“, die Energie einfach aus dem Erdreich holen, wurde mir zumindest das Kreativenherz warm. Fazit: Man weiß alles, man kann alles. Jetzt müssen wir nur die Industrie von gestern in die Ecke stellen und kommendes Jahr saubere Caterer nach Düsseldorf holen.