„Occupy Wall Street“, weltweit und in Berlin. Versuch einer Einschätzung.

UPDATE: Daniel Hires blieb den Tag über vor dem Reichstag und berichtet von Polizisten die Zelte zerstörten, Decken entrissen und Essen der Demonstranten einsackten. Es soll auch zu Faustschlägen gegen friedliche Teilnehmer gekommen sein.

Eine nun offenbar weltweite Bewegung gegen die Vormacht von Banken, Unternehmen und (ignoranten) Superreichen lässt sich schwer in kurze Sätze fassen. Das merken auch die Medien und haben in weiten Teilen mal wieder versagt bei der fairen Beschreibung einer Bewegung, die am weltweiten Aktionstag heute von der Wall Street auf mehr als 90 Länder der Welt übersprang.

Es gab zunächst viel Kritik an der US-Presse, die den Beginn der Besetzung der Wall Street erst ignorierte und dann als Aktion von Spinnern abtat. Die taz empfahl heute die Lektüre von Lenin und offenbarte damit urlinke Melancholie, die dieser diversifizierten Bewegung eben so gar nicht gerecht wird. Die Zeit ließ amerikanische Intellektuelle von der Leine, die der Sache mehr oder minder positiv entgegen standen oder das Ganze auch noch nicht bewerten wollten oder verstehen konnten – who cares, warum sollten wiederum Eliten einen Massenaufstand von Bürgern korrekt beschreiben können? Die Tagesschau muss zwar mit den (weltweit einzigen) Krawallen in Italien aufmachen, bringt in vier Minuten dann aber eine gutes Gesamtbild der globalen Proteste.

Das macht auf eklatante Art deutlich, warum Twitter, Blogs, YouTube oft die authentischeren Infos liefern und dann wenigstens auf ehrliche Art meinungsgefärbt sind. Apropos bloggen und Meinung – diese Dinge fielen mir auf:

Bewegend fand ich die solidarische Organisation der Menschen auf der Wall Street. Weil sie keine Megafone benutzen dürfen, haben sie das „human mic“ erfunden. Jeder der will, kann sich auf eine Sprecherliste setzen lassen und der „General Assembly“ sein Anliegen vortragen. Um hunderte von Menschen akustisch zu erreichen, werden die Sätze des Sprechers laut von allen wiederholt. Die hierarchielose Selbstorganisation – ähnlich wie auf dem Tahirplatz seinerzeit – sticht für mich heraus, dieses Video zeigt es sehr schön:

Zweite Besonderheit: Die New Yorker wollen keine feststehende Erklärung abgeben, sie lassen sich von Medien und Meinungsmachern nicht einnorden in eine bestimmte politische Richtung, mit der sie für den Medienkonsumenten leichter abzutun wären. Stattdessen ist im selbstverfassten „The Occupied Wall Street Journal“ ;-) zu lesen:

Drittens würden professionelle Medien, die uns leider nicht mehr als neutraler Radare taugen (s.o.), die Sache wohl wieder in die ein oder andere Ecke stellen, wäre da nicht dieses tolle, freie Internet, das natürlich besonders von mediengeschulten New Yorkern voll ausgereizt wird. Damit wird A) eine selbstgemachte, direkte Vollmedialisierung erreicht, auf die Menschen weltweit zugreifen und sich so ein eigenes Bild machen können. Und B) machen eben Tools wie Facebook, Blogs oder  Meet-up eine globale Mobilisierung erst möglich. Das jetzt nonchalant Kairo, Stuttgart und New York in einem Atemzug genannt werden – jeweils mit völlig anderen Zielen und Drucksituationen – ist wieder so eine emotionale Unschärfe der Bewegung, aber die Parallelen scheinen berechtigt: „Ihr da oben könnt nicht länger auf unsere Kosten machen was ihr wollt!“. Das ist naiv, vielleicht auch banal-romantisch. Aber doch eine Grundstimmung, auf die sich Millionen Menschen derzeit einigen können – und es endlich auch zum Ausdruck bringen.

Gegen Mitternacht wurden rund 200 Besetzer vor dem Reichstag geräumt

Gestern am 15. Oktober hieß es dann also auch #occupyberlin und #occupyffm und überhaupt weltweite Proteste als Reaktion auf die New Yorker Proteste. In Berlin bin ich eine Stunde mitgelaufen. Dabei war erstmal das wohlige Kribbeln der Gemeinschaft – im Bewusstsein das Abertausende in anderen Städten das Gleiche tun. Dann siehst du Schilder wie „Marx hatte doch recht“ und die Kids vom schwarzen Block und man denkt sich „zu meinen 99% gehört ihr nicht“. Rio Reiser aus einem zusammengeschusterten Musikwagen und Demo-Dragqueens – auch noch ok, die Bewegung ist eben bunt. An der Abbiegung zum geplanten Abschluss vor´m Kanzleramt brach die erste Reihe dann aus und stürmte auf die Wiese vor dem Reichstag – die andere Hälfte des Zuges wurde dann wohl von der Polizei abgeblockt, womit der Sache an Schlagkraft genommen wurde. Dort standen sie vor Gittern, skandierten, die Polizei musste sich eilig umsortieren. Und dann lag was Komisches in der Luft, so ein Gefühl von „Wann knallt´s?“, wie immer zig Handykameras, die auf Missetaten der Polizei lauern. Das schien mir doch weit weg vom „Original“ in New York, wo tatsächlich Menschen unterschiedlichster Art zueinander kommen, Spenden aus dem ganzen Land erhalten, sich gegenseitig in Workshops lehren, seit Tagen einfach sitzen bleiben und über Lösungen diskutieren.

In der Nacht sah ich noch den Livestream vom Reichstag, wo rund 200 Demonstranten nach dreimaliger Warnung von der Polizei „mit Zwang“ geräumt wurden. Ich will sowas nicht bewerten, die Polizisten führen hier ihren Auftrag durch, das Geschrei nach falsch angewandter Staatsgewalt kommt dann immer schnell. Wie oben zu sehen kam es dabei jedenfalls zum Einsatz von Pfefferspray. Warum diese Leute nicht vor dem Reichstag einfach friedlich sitzen bleiben dürfen – angekündigte Demo oder nicht – bleibt mir schleierhaft, die Zelte machen sich am nächsten Morgen vor den Tourischlangen wahrscheinlich nicht besonders gut.

So, Schlussstrich. Ich hoffe, dass die Menschen in aller Welt laut und friedlich bleiben. Abschließend einige gute Quellen, um sich ein eigenes Bild zu machen:

Was meint ihr zum Geschehen? Ich freue mich über Kommentare.

3 Gedanken zu „„Occupy Wall Street“, weltweit und in Berlin. Versuch einer Einschätzung.

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