30 Jahre taz! Die Welt ist immer noch schlecht…

axel-breitSo nah und doch so fern: Von ein paar Straßen weiter schickte der Axel-Springer-Verlag Geburtstagsgrüße ins neue taz-Layout.


Schön war´s, das mal voraus geschickt. Nur einen Hauch älter als ich feierte die taz am vergangenen Wochenende ihren 30. Geburtstag mit einer stattlichen Konferenz und einem neuen Layout. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass sich eine (zwar bekannt linke) „unabhängige“ Zeitung derart zu Protest, Wut, NGOs und Aktivisten bekennt. Wörter wie „Neo-Liberalismus“, „Bullen“ und klare Anti-Statements zu Westerwelle und CSU als rote Tücher gehörten hier zum üblichen Jargon und manche Ideen, Ansichten und Kommentare überstiegen dann selbst meine Vorstellungen von einer gerechten Welt (bzw. wie sie realistisch zu erreichen wäre).

apfelfront

Ob der anti-nationale „Pink Rabbit“ mit der „Front deutscher Äpfel“ gut Freund wird? Szenen der taz Aktivisten-Gala.


Da präsentierte sich z.B. ausgerechnet die Naturfreunde-Jugend Berlin bei der „Aktivisten-Gala“ am ersten Kongressabend mit dem „Pink Rabbit“. Der Plüschhase mischt sich immer dann ein, wenn es um nationale Inszenierungen geht. „Wir wollen keine Werbung für Deutschland. Wir wollen Deutschland nicht“, heißt es im begleitenden Flugblatt. Die Idee ist witzig, sorgt für Aufmerksamkeit, der Zweck – Auflösung der Nationalstaaten – mag angesichts globalisierter Verhältnisse sinnvoll sein. Vorrangig und erreichbar sind meiner Ansicht andere Themen…

welzer

Das Buch habe er gelesen, bei der Anmoderation brachte der taz-Mann (links) die Vita von Harald Welzer allerdings gehörig ins Schwanken.


Der gute, alte Klimawandel etwa. Sozialpsychologe, Kulturforscher und Utopia-Kollege Harald Welzer gab dem Thema neuen Zündstoff und stellte die Thesen seines Buches „Klimakriege – Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ vor. Das waren 45 Minuten freie Rede und pure, beängstigende Unterhaltung. „Illusorisch“, nannte Welzer den Zustand der „superreichen“ Staaten wie Deutschland. Während wir unsere luxuriöse Infrastruktur, Ordnungspolitik und weitestgehend gewaltbereinigte Umgebung als gegeben wahrnehmen, löst der von uns befeuerte Klimawandel anderorts und genau jetzt (!) bereits haarstäubende Konflikte aus. Beispiel Darfur: Gen Süden nimmt die Verwüstung zu, die Menschen flüchten vor den Klimafolgen, territoriale Konflikte entstehen, erst dann (!) werden ethnische Gründe hinzugetextet und korrupte Politiker, Waffenschieber und weitere Kriegsgewinnler halten das Ganze am Laufen. Was der Westen in die Atmosphäre bläst, lässt Menschen aus Afrika nach Spanien flüchten. Was tun wir, anstatt an der Wurzel des Problems zu arbeiten (aka Kohlekraftwerke abschalten, E-Autos etablieren, konsequent auf Erneuerbare umzusteigen usw.)?! Wir gründen FRONTEX, den internationalen Zusammenschluss von Grenzwächtern – wir halten unsere Opfer draußen, die nach immer komplizierteren Fluchtwegen suchen und entsprechend häufiger… sterben.

rosa-rose

Agit-Gartenzwerge, Bio-Samen und das Motto einer grünen Generation – Activist-Kit der „Gartenpiraten“.


Dass 80 Prozent der weltweiten Energie nach wie vor aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, dass eine globale Gesellschaft auf einer defintiv endlichen und planetar absolut schädlichen Ressource begründet ist, das nennt Welzer „bizarr“ und ich konnte nur heftig nicken, wenn ich nicht gerade wieder verzweifelt den Kopf schüttelte. Auf seinen Vortrag folgten nicht zum ersten Mal grandios dümmliche, irrelevante oder selbstdarstellerische Kommentare aus dem Publikum (natürlich nicht ausschließlich). Dabei sollte die Diskussion um Themen (Klima, Krise oder Tierschutz?) und Formate (Flashmobs, Online-Petitionen oder old-school Straßendemo?) endlich beendet werden! Sonderbar, wie sich eine ohnehin zu schwache Bewegung gegenseitig im Weg steht und kritisiert. Angesichts der massiven und komplexen Probleme ist die Lage doch so:

Alles ist erlaubt, jeder kreative Weg recht, jedes Talent ist einzubringen. Wenn sich eine Freundin von mir neulich für den sonderbar erscheinenden Schutz der Fledermäuse begeistert – dann los! Wenn Welzer kritisiert wird, was er als Wissenschaftler denn selbst gegen die Zustände unternähme – dann Klappe halten! Und selber aufgrund seiner Erkenntnisse aktiv werden! Notwendig ist eine flächendeckende Re-Politisierung, ein Entkrampfen des Aktivismus hin zur Notwendigkeit und Bürgerpflicht, Rahmenbedingungen und soziale Akzeptanz zu schaffen für solche, die sich mit den Gegebenheiten nicht abfinden und schlussendlich für ALLE (Banker, Handykids, digitale Bohéme, Nido-Leser, also jeden, den es einen Scheiss interessiert) an der – sagen wir es mal deutlich – Rettung dieser Erde im Großen und Kleinen arbeitet.

twall

Hier und da wurde die Gründerzeit-taz-Klientel mit neuen Medien überfordert und während andere brav am Mikro anstanden, eroberten wir uns zügig die Meinungsführerschaft an der twitterwall.


Da wo alles anfing, zwischen Bundeskanzleramt und dem Haus der Kulturen der Welt, gründeten wir an diesem Wochenende „nest – Ideen-Agentur und Social Media Beratung für ökosoziale Zwecke“. Und hoffen, „der Bewegung“ damit zur Seite zu stehen. Nicht für ein Thema, sondern für alle, die intelligent und effektiv an einer besseren Welt arbeiten. Mit den uns gegebenen Fähigkeiten.

yes-andy

Auch Andy Bichlbaum von den Yes Men musste sich mit dem ein oder anderen sinnfreien Kommentar der Germans herumschlagen.


Um es mit Welzers Worten zu sagen: Schönen Sonntag noch!

Und: Besten Dank, neue/alte taz.

Ein Gedanke zu „30 Jahre taz! Die Welt ist immer noch schlecht…

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