Kony 2012: Kritik ist gut, wundern ist besser

Hochgeladen am 5. März, satte 30 Minuten lang, dennoch 84 90 Millionen Views (YouTube + Vimeo) innerhalb einer Woche. Ein Film über Joseph Kony, Massenmörder und Anführer der Lords Resistance Army, geht um die Welt. Dahinter steckt die NGO “Invisible Children“, die (fast) nur ein Ziel kennt: Kony fassen und vor Gericht bringen. Noch nie – ich bitte um Gegenbeweise – hat eine Social-Media-Kampagne zu einem sozialen Thema in solch kurzer Zeit so viele Menschen erreicht. Weltweit streift die Geschichte durch alle relevanten Blogs und hat längst auch internationale Massenmedien erreicht – nicht zuletzt, weil Film und Initiative derzeit stark kritisiert werden. Es geht, knapp gesagt, z.B. um die manipulative, US-zentrische Machart des Films, die Verwendung von Spendengeldern und den fraglichen Hebel, ugandische Militärs bei der Verhaftung zu unterstützen. Invisible Children hat hier gute Antworten zusammengestellt. Was für mich im Vordergrund bleibt ist eine enorm reichweitenstarke Kampagne. Insofern möchte ich es bei aller berechtigter Kritik eher mit dem Blog Future:Media:Change halten und aus diesem Phänomen für die Zukunft lernen:

Kony 2012 is a startling and stunning success in the Attention Age. We should spend less time denouncing that reality and more time understanding and shaping it. We can decry Kony 2012 for misinterpreting the current political reality of Uganda or wish equal attention was focused towards the ongoing massacre in Syria, the plight of women and the coming food crisis in the Sahel, but as my friend recently returned from West Africa commented, “That is not this guy’s fight.” Thoughtful critiques should continue, the more ink spilled the better. However, in the midst of our doubts, we should remember that there were millions of young people who had never heard of the International Criminal Court, Joseph Kony or even Uganda a mere four days ago. Russell’s passion ignited theirs. That should be celebrated. (…) In a world of Bieber and Twilight they choose to turn their limited attention to human rights and justice. (…) We in the activist community can spend weeks tearing down Invisible Children’s effort. Or, we can choose to accept the new reality of the Attention Economy and get to work.

Das hart zu ertragende Selbstbewusstsein des Filmemachers, Hauptdarstellers und IC-Gründers Jason Russell lässt sich hier beobachten:

Der CEO und Finanzchef erklärt die Strategie und Ausgaben von Invisible Children:

NACHTRAG: Der erste Kommentar auf den ausführlichen, kritischen Blogpost von Ethan Zuckerman (ein viel gelesener, weißer Blogger aus Accra, Ghana) lautet so:

I have no doubt of the complexity of the problem, and I appreciate the detailed blog post you’ve written. But you’ve made the same omission as many others who’ve written truthful narratives about Africa: you’ve left us with the impression that there is no solution, because all the players are bad and untrustworthy, so we shrug our shoulders, blame the Africans, and turn away. Give us hope; point us toward a solution; give us something specific and achievable to do! This is what Invisible Children has appreciated about human psychology and has done so effectively.

Die New York Times ergänzt:

While it has stirred questions about the role of westerners advocating to end mass atrocities in Africa, as well as useful dialogue on non-profit fiscal management, the debate has obscured the key point. Joseph Kony’s immediate capture and delivery to the International Criminal Court (ICC) would be an unambiguous victory for humanity. It is the solution for which affected Africans have desperately, unanimously pleaded.

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Ein Gedanke zu „Kony 2012: Kritik ist gut, wundern ist besser

  1. Dominik

    Ja die Kampagne ist super gemacht. Es ist, soweit ich das überblicken kann, bisher die beste Online-Kampagne um die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf ein soziales Thema zu lenken. Sehe ich genau wie Du, insofern auch von mir ein 100% alles richtig gemacht. Es ist Propaganda (http://de.wikipedia.org/wiki/Propaganda) auf aller höchstem Niveau. Hut ab!

    So, dann hört meine Zustimmung allerdings klar auf, denn eine Kampagne ist immer “nur” ein Werkzeug um bestimmte Aktionen zum Laufen zu bringen und die sehen laut IC dann so aus:
    Man erzeugt über die Emotionalisierung der “Massen” Druck auf Popstars, Politiker und die U.S. Regierung, im Norden Ugandas tätig zu werden. Und zwar militärisch.

    Und damit sind wir mMn auch beim Problem: der vorgeschlagene Lösungsansatz ist einfach keiner!

    Grundsätzlich wie bereits häufiger hervorgehoben:
    Die ugandische Armee zu unterstützen, die sich selbst zahlreicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht inkl. Kindersoldaten, Vergewaltigungslager und nach Amnesty International der Vertreibung von rund 300.000 Menschen in den 90igern, halte ich schon mal für mindestens “schwierig”. Der ugandische Präsident Museveni http://en.wikipedia.org/wiki/Museveni hat sich in den letzten fast 40 Jahren auch außerhalb seiner Armee und deren Taten nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Wahlbetrug, Massenvertreibungen, politische Gegner verschwinden lassen, erst kürzlich neue Gesetze die Homosexualität unter Todesstrafe stellen u.Ä.

    Wenn ich jetzt aber wirklich mal nur “beste Absichten” annehme und es wirklich um die Verhaftung des Kriegsverbrechers Kony geht, dann frag ich mich doch
    1. Warum die US Truppen in Norduganda eingesetzt werden, wo doch Kony nach übereinstimmenden Informationen von Journalisten, Menschenrechtlern vor Ort und der ugandischen Regierung seit über 6 Jahren nicht mehr dort war?
    2. Man ihn nicht einfach per Drone oder Special Forces ausschaltet oder festsetzt, wie das ja überall sonst auf der Welt bei Bedarf auch funktioniert?
    3. Warum man es wieder genauso probiert, wie es bereits 3x zuvor schief gegangen ist?
    4. Genau wie Ole auf Facebook: Warum zur Hölle ist plötzlich ein rechts außen republikanischer Senator auf “meiner Seite”?

    Zudem sagte sogar die ugandische Regierung selbst als Reaktion auf das Video, dass es eine schöne Idee sei, die aber 15 Jahre zu spät käme und die tatsächlichen Umstände völlig verkenne. Zum Beispiel hat die LRA nur noch geschätzte 400 Mann unter Waffen und stellt in Uganda überhaupt keine Bedrohung mehr da weil sie da gar nicht mehr ist.

    Stellt sich also die Frage, was denn sonst im Norden Ugandas im Grenzgebiet zum Kongo sein könnte? Richtig, neu gefundene, riesige Ölvorkommen, wie Ende letzten Jahres auch die NYTimes berichtete: http://www.nytimes.com/2011/11/26/world/africa/uganda-welcomes-oil-but-fears-graft-it-attracts.html?_r=1

    Ich könnte mir sogar vorstellen, dass wir zum ersten Mal Zeugen (und Helfer) einer groß angelegten und hervorragend ausgeführten Social Media Kampagne wurden, die von der US Regierung (in)direkt befördert wurde, getarnt hinter einer stylischen NGO.
    http://www.lewrockwell.com/blog/lewrw/archives/107339.html <– unbedingt lesen und Fakten checken.

    Was auch überhaupt nicht zusammen passt ist, dass Reuters schon am 14.10.2011 gemeldet hat, dass Obama US Truppen nach Uganda entsendet, um Kony zu jagen: http://www.reuters.com/article/2011/10/14/us-uganda-usa-newspro-idUSTRE79D5CA20111014 Die Truppen sind schon im Land und aktiv: Warum dann noch diese Riesenwelle mit dem Film, wenn Obama doch schon vor 5 Monaten die Forderungen im Film "erfüllt" hat? Kony2012 wurde am 05.03.2012 hochgeladen. Vllt. braucht er ja bald öffentliche Unterstützung um gegen die Republikaner durchzubekommen, dort länger zu bleiben, mehr Truppen zu entsenden oder was auch immer.

    Auch wenn da viel Mutmaßungen im Spiel sind und man man das eine oder andere was ich oben aufführe, entkräften kann, stimmt da meiner Meinung nach einfach ganz grundsätzlich was nicht. Umso mehr ich im Netz dazu suche und lese, umso komischer wird das alles. Insbesondere Blogs von Menschen direkt aus der Region stehen dem Ganzen meist eher negativ gegenüber. Und deshalb unterstütze ich die Kampagne nicht, auch wenn sie noch so gut gemacht ist. "Das Mittel kann da sozusagen nicht den Zweck heiligen", solange mir da noch so viele Dinge komisch vorkommen.
    Wir sollten mMn vor allem dann so genau wie irgend möglich hinschauen, auch wenn´s anstrengt, wenn sehr viele Menschen in Bewegung kommen…

    Antwort

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